Unsere Lieblingsbücher


Was wir lesen!

Vier Kolleg:innen aus dem Frankfurter Verlagshaus der Büchergilde haben für Sie ihre persönlichen Lieblingsbücher aus dem aktuellen Quartalsprogramm zusammengestellt. Entdecken Sie hier auch die Beiträge aus den vergangenen Quartalen.

Lassen Sie sich begeistern und inspirieren – wir wünschen eine schöne Lektüre!

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Illustration von Philip Waechter

1. Quartal 2024

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Drama und Poesie – eine Liebe fürs Leben

Ich gebe zu, ich war immer schon ein großer Fan von Balladen. Die Recherche für DIE BALLADE war darum von Anfang an ein Mordsspaß. Im Team mit Kristin Rampelt und dem Autor Eckhart Nickel war dann kein Halten mehr. Innerhalb kurzer Zeit entstand ein riesiges Textkonvolut – aus Klassikern, neueren Balladentexten, Songtexten –, das es zu kürzen galt (nicht einfach), damit die phantastischen Bilder von Franziska Neubert, auf ihre Weise ebenfalls Balladen, gebührend Platz finden. Ob Ingeborg Bachmanns Das Spiel ist aus oder Robert Gernhardts Ach: Die Texte verzaubern, rütteln auf, berühren, sooft man sie auch liest; die Bild-Balladen nicht minder. Jetzt – nach eineinhalb Jahren – ist dieser Prachtband fertig, in den Eckhart Nickel äußerst vergnüglich einführt. Und er richtet sich genauso an Fans von Schiller, Heine oder Kästner wie an jene von Falco, Dota Kehr oder AnnenMayKantereit. Das Beste für die kalte Jahreszeit: rauf aufs Sofa und Abtauchen in ein Buch voller dramatischer Geschichten.

Corinna Huffman freut sich, dass sie seit 25 Jahren das Programm der Büchergilde machen darf und ist über das Balladenbuch ganz aus dem Häuschen.

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Was bleibt? Doris Knecht – Eine vollständige Liste aller Dinge, die ich vergessen habe

Ausmisten, loslassen, neu sortieren, aber gleichzeitig sich an Vergessenes erinnern, sich auf das Wesentliche besinnen, das macht die Protagonistin in Eine vollständige Liste aller Dinge, die ich vergessen habe.

Doris Knecht zeigt in ihrem Roman, dass es eine gute Sache ist mal innezuhalten, Vergangenes zu überdenken und alte Probleme oder Dinge, die man nicht mehr ändern kann, hinter sich zu lassen. Es hat alles seine Zeit, so auch die Dinge und Personen in unserem Leben, alles ist wichtig, alles beeinflusst uns, aber trotzdem kann und muss man nicht an allem festhalten. Der Roman vermittelt uns auf eindringliche Weise eigentlich bekannte Weisheiten, die wir aber doch gern immer wieder vergessen.

Und trotz der melancholischen Stimmung des Romans bleibt für mich die Essenz, dass jede Veränderung auch eine neue Chance in sich birgt und Freiheit schafft.

Nicole Duplois versucht, sich noch mehr Zeit fürs Lesen freizuhalten und wirkt in der Herstellungsabteilung an verschiedenen Ecken und Enden mit.

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Wie der Klimawandel unseren Alltag prägt: T.C. Boyle, Blue Skies

Kann man so existenzielle Themen wie Klimawandel und Artenvielfalt unterhaltsam darstellen? Ja, man kann. T.C. Boyle liefert mit seinem Roman Blue Skies den Beweis. Die dramatischen Veränderungen unserer Lebensgrundlagen werden hier nicht als Dystopie, sondern als alltägliche Begleiter am Beispiel einer amerikanischen Mittelstandsfamilie erzählt. Diese ist Hitze, Dürre und Waldbränden in Kalifornien oder Dauerregen, Orkanen und Überschwemmungen in Florida ausgesetzt. Sich dem entgegenzustellen, kostet Kraft und fordert persönliche Opfer. Das nimmt die Lesenden für die Protagonist:innen ein, auch wenn es bei allem Umweltbewusstsein zum Teil Skurrilitäten sind (Alkoholkonsum schon ab dem Vormittag oder die Haltung von Pythonschlangen als Haustiere), mit denen sie sich den unwirtlichen Herausforderungen stellen. Anlass auch für mich, mich zu fragen, wie der Klimawandel mein Verhalten im Alltag bereits beeinflusst (Alkohol am Morgen und Schlangen gehören übrigens nicht dazu).

Michael Lübbeckes Profession ist das betriebliche Finanzwesen, aber sein Interesse endet nicht bei Buchhaltung und Zahlen, sondern schließt kluge Bücher und anspruchsvolle Literatur mit ein.

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Von Familie, Überleben und Schuld: Carl Nixons Kerbholz

Als ich vor ein paar Jahren allein an der neuseeländischen Westküste stand, dachte ich plötzlich: „Wenn mir hier etwas zustößt, habe ich echt ein Problem.“

Katherine, Maurice und Tommy – die Geschwister aus dem Roman Kerbholz von Carl Nixon – erleben genau diese Situation, nur tragischer als ich es mir je hätte vorstellen können. Bei einem Autounfall sterben ihre Eltern, die Kinder bleiben allein und verletzt im Wald zurück. Nach einigen Tagen werden sie von den Bewohner:innen einer einsamen Farm mitten im Nirgendwo gefunden und die drei müssen entscheiden, ob sie den Fremden vertrauen können.

Der Roman hat mich gefesselt, mit seinen malerisch-schrecklichen Beschreibungen der neuseeländischen Natur und den tiefen Einblicken in die Psyche der Kinder. Für mich war das Land immer ein kleines Paradies, für Katherine, Maurice und Tommy wird Neuseeland zur Todesfalle. Nixon schreibt über Familie, Vertrauen, Angst, Schuld, Trauer – über das Leben in all seinen Facetten. Diese Geschichte der drei Kinder allein am Ende der Welt hat mich bis zur letzten Seite nicht mehr losgelassen.

Maria Voßhagen arbeitet als Werksstudentin im Online-Marketing, war nach dem Abi in Neuseeland und vermisst Hokey-Pokey-Eis.


4. Quartal 2023

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Ein Plädoyer für Stille und Achtsamkeit: Rónán Hession – Leonard und Paul

Es muss nicht immer lärmend und schnell zugehen – die Dinge ruhig anzugehen führt oftmals auch zum Ziel. Wer das noch nicht weiß, wird nach der Lektüre von Rónán Hessions Roman Leonard und Paul vielleicht einen Gang runterschalten.

Leonard und Paul gehören nicht zu denen, die überall dabei sind, die in den Augen anderer irgendwie begehrenswert sind. Scheinbar langweilig gehören sie zu den Menschen, die man erst mal entdecken muss. Sie sind unangepasst und bleiben sich selbst und ihrem Tempo treu. Sie lassen das Leben auf sich zukommen, denn das Leben passiert, ob man sich verrückt macht oder nicht.

Neben den versteckten Weisheiten ist der Roman dann auch noch so gut geschrieben, dass ich ihn immer mal zuklappen musste, um den Worten nachzuspüren, um nicht zu schnell damit fertig zu sein, um einfach mal in die Wolken zu schauen.

Nicole Duplois versucht, sich noch mehr Zeit fürs Lesen freizuhalten und wirkt in der Herstellungsabteilung an verschiedenen Ecken und Enden mit.

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Ein entlarvendes Kammerspiel: Teresa Präauer, Kochen im falschen Jahrhundert

Es gelingt Teresa Präauer außerordentlich gut, dass ich mich beim Lesen ihres Romans tief in die Atmosphäre einer Abendgesellschaft hineinfühle, mit Menschen, die nur auf den ersten Blick erfolgreich erscheinen. Bei erlesenen Speisen und Getränken und dezenter Hintergrundmusik üben sich Gastgeberin und ihre Gäste im spielerischen Umgang miteinander, um so die vermeintliche Leichtigkeit des Lebens zu zelebrieren. Meinungen und Ansichten werden in Tischgesprächen ausgetauscht, ohne dass dahinter wahrhaftige Haltungen zum Vorschein kommen. So entlarven die wie in einem Kammerspiel auftretenden Personen im Verlauf des Abends ungewollt persönliche Schwächen und Widersprüche. Wie in einem mehrgängigen Menü serviert uns Präauer mit großem literarischem Gespür die gleiche Szenerie in verschiedenen Variationen und würzt kräftig mit einer Prise Ironie. So wächst beim Lesen mein Appetit auf dieses Buch, aus den erwähnten Musikstücken habe ich mir schon eine Playlist erstellt.

Michael Lübbeckes Profession ist das betriebliche Finanzwesen, aber sein Interesse endet nicht bei Buchhaltung und Zahlen, sondern schließt kluge Bücher und anspruchsvolle Literatur mit ein.

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Und wenn aus Glauben Fanatismus wird?

Diese Frage stellt Claudia Piñeiro in ihrem Roman Kathedralen. Lías Leben gerät aus den Fugen, als ihre Schwester tot aufgefunden wird, ihre Leiche brutal misshandelt. Angesichts dieses Grauens verliert Lía den Glauben an Gott. Sie bricht fast jeden Kontakt zu ihrer streng christlichen Familie ab und fängt ein neues Leben an. Die Vergangenheit vergessen kann sie aber nicht – Anas unaufgeklärter Tod verfolgt sie.

Piñeiro erzählt die Geschichte von Anas Tod aus sieben verschiedenen Perspektiven. Gesucht wird nicht einfach der oder die Täter:in, sondern Piñeiro deckt vielmehr die gesellschaftlichen und familiären Umstände auf, die diesen Tod überhaupt erst möglich gemacht haben. Für mich war Kathedralen ein besonderes Gesellschaftsportrait. Die vielfältigen Innensichten in unterschiedlichste Charaktere fügen sich zu einem Gesamtmosaik zusammen, das den tragischen Tod Anas in außergewöhnlicher Weise erörtert. Eine Lektüre, die vor jeder Form von fanatischem Glauben warnt.

Maria Voßhagen, arbeitet als Werksstudentin im Online-Marketing und freut sich, neben dem Literaturstudium auch noch Zeit für wunderbares Freizeit-Lesen zu finden.


3. Quartal 2023

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Priya Guns Dein Taxi ist da – Einsteigen lohnt sich!

Priya Guns nimmt uns in ihrem Roman Dein Taxi ist da mit auf eine rasante Fahrt entlang der gesellschaftlichen Schere. Ihre Protagonistin Damani lebt in einer nicht näher benannten Großstadt und verdient sich ihren mageren Lebensunterhalt als Taxifahrerin. Pausenlos fährt sie alleinerziehende Mütter mit schreienden Kindern zum Arzt, schnöselige Anzugträger nach wilden Partynächten nach Hause, Touristen zu ihrem nächsten Sightseeing-Event und ältere Damen zum Bingo-Spielen. Und doch türmen sich ihre unbezahlten Rechnungen. Zu allem Überfluss steht die Stadt seit Monaten wegen nicht enden wollender Demonstrationen Kopf. Die Menschen sind unzufrieden, sie wollen Veränderung. Und dann ist Damani plötzlich mittendrin, als alles eskaliert.

Priya Guns verpackt komplexe gesellschaftliche Themen so unterhaltsam, dass man nicht tiefer einsteigen muss, um Gefallen am Buch zu finden. Genauso ist es für die Lektüre nicht notwendig, den 1976 erschienenen Film „Taxi Driver“ zu kennen. Mir persönlich hat sich dadurch aber eine ganz neue Ebene im Buch eröffnet! Denn der Roman ist eine Hommage an den Film und gespickt mit unzähligen Anspielungen aber auch bewussten Abweichungen, die der näheren Betrachtung lohnen.

Sophia Naas leitet bei der Büchergilde das Digitalteam und hätte gerne diesen Allesreiniger, den Damani in Dein Taxi ist da immer im Kofferraum hat.

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Darf man das gut finden? Percival Everett – Die Bäume

Percival Everett hat mit Die Bäume einen rasanten parodistischen Mystery-Thriller geschrieben, der in mir widersprüchliche Gefühle geweckt hat.

Die Geschichte geht so: In Money, Mississippi, einer Kleinstadt, in der einst einer der vielen Lynchmorde des US-amerikanischen Südens begangen wurde, wird ein Nachkomme eines am damaligen Mord Beteiligten grausam hingerichtet aufgefunden. Neben der Leiche liegt eine weitere Leiche, die die Züge von Emmett Till trägt – eben des jungen Mannes, der 1955 in Money gelyncht wurde. Das Kuriose dabei ist, dass diese Leiche auf mysteriöse Weise verschwindet, um dann beim nächsten Mord in Money wieder an Ort und Stelle zu sein. Und es bleibt nicht bei zwei Morden, es zieht immer weitere Kreise ...

Die überzeugende Kombination aus Horrorkomödie und Vergangenheitsbewältigung, die Everett in seinem Text anlegt, ruft eine atemlose Anspannung hervor: Darf man das gut finden, dass scheinbar endlich Gerechtigkeit in Form von Rachefeldzügen in den noch immer in weiten Teilen rassistischen Südstaaten einzieht? Und darf man angesichts der Gewalt dann auch noch über sehr witzige Dialoge und Situationen lachen?

Ich denke, persönliche Befindlichkeiten sind hier nicht gefragt. Gefragt ist, das grausame Kapitel des Rassismus in den USA endlich aufzuarbeiten und zu beenden. Die furchtbaren Grausamkeiten, die leider immer wieder geschehen, die fehlende Strafverfolgung und andere bestehende Ungerechtigkeiten dürfen nicht weiter hingenommen werden. Percival Everett findet hierfür einen ganz eigenen, schwarzhumorigen Ton, der Die Bäume zu einer außergewöhnlichen Lektüre macht.

Nicole Duplois versucht, sich noch mehr Zeit fürs Lesen freizuhalten und wirkt in der Herstellungsabteilung an verschiedenen Ecken und Enden mit.

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Eine Mahnung für Menschlichkeit, Frieden und Freiheit: Oliver Hilmes Schattenzeit – Deutschland 1943: Alltag und Abgründe

Die Gräueltaten der Nazidiktatur sind hinlänglich bekannt. Dennoch lässt mich dieser eindrucksvolle Text Schattenzeit bestürzt und fassungslos zurück. Hilmes gelingt es, anhand eines Kaleidoskops des Jahres 1943, Unmenschlichkeit, Brutalität, Kriechertum, aber auch Mut und Heldenhaftigkeit spürbar werden zu lassen.

Im Mittelpunkt steht der junge, hochbegabte Pianist Karlrobert Kreiten, der wegen einer kritischen Äußerung zum Regime, die er gegenüber seiner Vermieterin macht, inhaftiert und zum Tode verurteilt wird. Eingebettet ist die Schilderung seines Schicksals in eine chronologische Darstellung von Ereignissen, in denen bekannte Personen, seien es Täter, Mitläufer oder aber Verfolgte und Opfer der damaligen Zeit, auftreten.

Die Nüchternheit, die Beiläufigkeit mit der Hilmes hier Alltägliches ausschnitthaft erzählt, trägt maßgeblich dazu bei, dass mir die Banalität und die Abgründe des Bösen wieder bewusst werden. Man erfährt, dass sich 1943 schon fast alle über die bevorstehende militärische Niederlage Nazideutschlands im Klaren waren. Dennoch gab es genügend Schergen der Machthaber, die durch gesteigerte Brutalität und Bestialität gegenüber ihren Mitmenschen das Ende des Schreckens hinauszuzögern versuchten. Somit ist dieser Text eine Mahnung an uns, sich in Gegenwart und Zukunft weiterhin leidenschaftlich für Menschlichkeit, Frieden und Freiheit einzusetzen.

Michael Lübbeckes Profession ist das betriebliche Finanzwesen, aber sein Interesse endet nicht bei Buchhaltung und Zahlen, sondern schließt kluge Bücher und anspruchsvolle Literatur mit ein.

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Mitreißend menschlich: Diese eine Entscheidung von Karine Tuil

Beim Lesen von Karine Tuils mitreißenden Roman Diese eine Entscheidung berührte mich vor allem die Menschlichkeit ihrer Charaktere: Alma, die sich als angesehene Ermittlungsrichterin in der Terrorbekämpfung mit einer unmöglichen Entscheidung konfrontiert sieht – und Alma, die auch eine gute Mutter sein will, die sich als Ehefrau verpflichtet fühlt, sich aber in einen anderen Mann verliebt. Abdeljalil, der als Kind von seinem Vater misshandelt worden ist, der sich vom französischen Staat im Stich gelassen fühlt – und Abdeljalil, der Zuflucht in der Religion sucht und seiner Frau und dem Kind eine bessere Zukunft garantieren möchte. Abdeljalil, der nur 23 Jahre alt ist.

Tuil zeigt uns Menschen zwischen Liebe und Hass, Mitgefühl und Grausamkeit, Glück und Trauer. Der Roman hat mich mitgerissen, bewegt, bedrückt und nachdenklich gestimmt. Die Autorin verhandelt wichtige Fragen unserer Zeit und schafft es, ein facettenreiches Bild zu zeichnen, in dem die komplexen Zusammenhänge zwischen radikaler Islamisierung, westlicher Arroganz und persönlichen sowie strukturellen Versagen ineinander greifen und sich verstricken.

Der Roman bietet keine Antworten. Er stellt Fragen und stellt infrage. Mich hat er ratlos und nachdenklich zurückgelassen. Dennoch – oder gerade deswegen – ist dieser Roman definitiv eine Lektüre wert.

Maria Voßhagen arbeitet als Werksstudentin im Online-Marketing und freut sich, neben dem Literaturstudium auch noch Zeit für wunderbares Freizeit-Lesen zu finden.