Der befreite Kaiser
Ein historischer Sonderfall: Im Jahr 1556 dankt Karl V. freiwillig als Kaiser ab und zieht sich schwer krank in ein abgelegenes spanisches Kloster zurück. In seinem neuen Roman Reise nach Laredo schickt ihn der österreichische Bestsellerautor Arno Geiger nun auf einen fiktiven letzten Roadtrip mit dem jungen Geronimo, seinem außerehelichen Sohn – und spielt dabei so gekonnt wie unerwartet mit den Genres.
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Lieber Arno Geiger, in Ihrem vorherigen Buch Das glückliche Geheimnis schrieben Sie, als Autor müsse man mit Vertrautem brechen. War es befreiend, nun einen historischen Roman zu schreiben?
Bei der Beschäftigung mit diesem Karl, der nicht mehr Kaiser und stattdessen Privatmann sein will, wurde mir klar, dass ich zunächst einmal ihn befreien musste aus seiner unbefriedigenden Situation im Kloster Yuste – und dann aus dem Biografischen. Die Tür zum Glück geht nach außen auf, also schicke ich ihn auf eine Reise. Und überraschenderweise wurde das Projekt dadurch zu meinem bislang freiesten Buch. Sowieso scheitere ich lieber im Versuch, etwas Originelles, Eigenständiges zu schreiben, als dadurch, dass ich auf bewährte Erfolgsrezepte setze.
Er sah seinen Lebensweg, der sich von einem Krieg zum anderen schlängelte, von einem Friedensvertrag zum anderen. Um wie viel besser war die Welt nach all der Mühe?
Spielen Sie im Roman deshalb mit den Genres?
Im Schreiben muss man offen bleiben für das Zufällige, das Merkwürdige. So kamen die Motive des Western- und des Schauerromans hinein. Über das rein Biografische konnte ich Karl nicht ausreichend nahekommen, ein schwer greifbarer, widersprüchlicher Mensch, zurückhaltend, in sich gekehrt. Wir alle sind als Persönlichkeiten uneinheitlich. Und auch bezogen auf Romane gibt es die „reine Form“ nur in der Theorie. Ganz nebenbei gesagt: Wie Don Quijote, als literarische Figur sein Zeitgenosse, hat Karl zu viele Ritterromane gelesen.
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Was hat Sie an der historischen Figur fasziniert?
Karl war bei seinem Rücktritt im gleichen Alter wie ich jetzt, Mitte 50. Dass er dann von seinem Hofstaat verlangte, ihn nur noch mit Vornamen anzusprechen, wurde ihm als Schwäche, gar Wahnsinn ausgelegt. Ein zurückgetretener Kaiser? Das ist ein Wundertier, das kann nur Wahnsinn sein! Dass da einer diese schweren Kronen vom Kopf nimmt, um den Weg zu sich selbst zu beschreiten und mit sich ins Reine zu kommen, hat mich berührt. Menschen klammern sich an geringere Dinge als an Kaiserkronen und können trotzdem nicht loslassen. In Karls Loslassen sehe ich eine große Stärke.
Auch Geronimo, mit dem sich der kranke, schwermütige Karl auf die Reise begibt, ist eine historische Figur. Warum lassen Sie seine spätere Bedeutung als Befehlshaber der spanischen Flotte und Statthalter der habsburgischen Niederlande unerwähnt?
Geronimo hat ein Recht auf eine Kindheit! Er ist elf Jahre alt, ein wunderbares Bubenalter, noch nicht in Konflikt mit sich selbst und seinem Körper. Weder denkt er ständig an die Vergangenheit, noch macht er ständig Pläne für die Zukunft. Ein schöner Gegensatz zu Karl.
In jedem Menschen stecke ein zurückgetretener König, heißt es im Buch. Wer wären Sie, wären Sie kein Autor?
Eine andere Person und zum Glück nicht das, wonach ich mich sehne. Aber manchmal sehe ich den Männern von der Müllabfuhr zu, sie sind den ganzen Tag dreckig und immer guter Laune. Sie müssen sich nicht in Schale werfen. Sich in Schale werfen, das klingt nicht gerade nach Freiheit. Als Bühnenarbeiter auf der Seebühne war ich den ganzen Tag dreckig und frei. Als Müllsammler in den Straßen Wiens war ich dreckig und frei (Anm. d. Red.: Hier nimmt Geiger Bezug auf seinen Roman Das glückliche Geheimnis). Ich bin froh, dass ich in meinem Leben beides hatte.
Vielen Dank für das Gespräch, Herr Geiger!
Die Fragen stellte Frank Rudkoffsky.
Der Autor
Arno Geiger, geboren 1968 in Bregenz, lebt in Wien und Wolfurt. Zuletzt erschienen u. a. Alles über Sally, Der alte König in seinem Exil, Unter der Drachenwand und Das glückliche Geheimnis. Er erhielt u. a. den Deutschen Buchpreis (2005), den Literaturpreis der Adenauer-Stiftung (2011) und den in den Niederlanden vergebenen Europese Literatuurprijs (2019).