Das richtige Leben leben
Ewald Arenz im Interview mit der Büchergilde
Führen wir das für uns richtige Leben? Dieser existenziellen Frage geht der preisgekrönte Nürnberger Schriftsteller Ewald Arenz in Zwei Leben nach. Ein Gespräch mit dem Bestsellerautor über seinen Roman, sein Leben und Schreiben.

Lieber Ewald Arenz, Ihr neuester Roman handelt von zwei Frauen: Roberta, einer Bauerntochter, und Gertrud, der Ehefrau des Dorfpfarrers. Beide Frauen sind u. a. durch Wilhelm, Gertruds Sohn, in den sich Roberta verliebt, miteinander verbunden. Was hat Sie zu Zwei Leben inspiriert?
Einmal eine kleine Begebenheit aus meiner Kindheit. 1971 wollte meine Mutter – zu dem Zeitpunkt hatte sie schon vier Kinder – wieder arbeiten gehen. Dazu brauchte sie die Zustimmung meines Vaters, und ich erinnere mich gut, dass die beiden sich sehr darüber aufgeregt haben, wie altmodisch das sei. Das Buch ist also eine kleine Referenz an meine Mutter.
Zum anderen gibt es einen Song von Bobbie Gentry namens „Ode to Billie Joe“. Diese todtraurige Geschichte verfolgt mich seit dreißig Jahren.
Gertrud und Roberta stellen sich die Frage: Führe ich das für mich richtige Leben? Ist das eine Frage, die auch Sie umtreibt?
Ich fürchte, ja. Immer.

Manche Lieder sind wie Fenster für mich, dachte sie. Wie Fenster in ein Leben, das ich nicht führe, und ich stehe in der Öffnung, lehne mich an den Rahmen und sehe sehnsüchtig hinaus.
Eine weitere Verbundenheit zwischen beiden Frauen ist das Thema Sehnsucht. Roberta fühlt sich einerseits sehr im Dorf verwurzelt, sehnt sich aber auch danach, die Welt kennenzulernen. Gertrud hingegen ist nie mit dem Landleben warm geworden und möchte zurück in die Stadt. Was ist Ihnen näher, das Dorf- oder das Stadtleben?
Ich wohne auf dem Land und könnte mir, nachdem ich zuvor zwanzig Jahre in der Stadt verbracht hatte, nicht mehr vorstellen, in einer Stadt zu leben. Ich möchte der Natur nahe sein. Aber dennoch: Ohne das kulturelle und soziale Leben in der Stadt könnte ich auch nicht sein.
Neben der Liebesgeschichte von Roberta und Wilhelm, den Themen Sehnsucht und Lebensträume schreiben Sie auch über Schicksalsschläge, den alles verändernden Tod und die Frage: Wie weiterleben?, was dem Roman Tiefe verleiht. War es Ihnen ein Anliegen, auf die Endlichkeit des Lebens hinzuweisen, um die Leser:innen zu inspirieren, ihre Träume anzupacken?
Ich bin jetzt in dem Alter, in dem ich weiß: Ich bin dem Ende näher als dem Anfang. Wenn die Eltern gestorben sind, rückt man eine Generation auf. Es gab auch in meiner Familie – wie in so vielen – schwere Krankheit und Tod. Einer meiner Brüder starb schon mit 28 Jahren. Ich hatte immer das Gefühl, wir müssen uns der Endlichkeit des Lebens bewusst sein, um es richtig leben zu können.
Ihr Roman spielt in den frühen 1970er-Jahren in der Bundesrepublik. Sie machen die Zeit wunderbar erlebbar, z. B. durch das Erwähnen damaliger Kinofilme, Zeitschriften und gesellschaftlicher und politischer Themen wie des Umgangs mit ungewollten Schwangerschaften, der erforderlichen Zustimmung des Ehemanns zur Arbeit. Bedurfte es für den Roman vieler Recherchen?
Ach, die Recherche ist doch immer das Beste am Schreiben! Ich bin auf einem Dorf aufgewachsen, die frühen 1970er-Jahre sind meine Kindheit. Ich habe all das so ungefiltert aufgenommen, wie es ein Kind eben tut. Die Basis also, alle Gefühle, Stimmungen, Klänge und Gerüche, war mir präsent. Aber vieles musste ich natürlich durch Recherche vertiefen. Eine Arbeit, die ich wirklich liebe.

Haben Sie den Handlungsort Mühlhof in der Gemeinde Salach aus Verbundenheit gewählt?
Es gibt mehrere Salach in Deutschland. Meines ist das Dorf Burgsalach im fränkischen Jura, das von den Bewohnern Salach genannt wird.
Eine sehr interessante und liebenswerte Nebenfigur in Ihrem Roman ist Robertas Opa, der in den USA seine drei schönsten Lebensjahre verbrachte. Wie kam es zu dieser Figur, die einen Kontrast zum eher kühlen Elternhaus Robertas darstellt?
Roberta braucht einen Spiegel, eine Figur, die sie versteht und ihr beisteht. An so einen Altbauern erinnere ich mich aus meiner Jugend. Der ist der Kern dieser Figur.
Neben Robertas Opa ist es auch Wilhelm, der Robertas Sehnsucht bestärkt und in ihr das Bild mit der riesigen, im Himmel aufgehängten Schaukel, die man allein nicht zum Schwingen bringen könnte, hervorruft. Meinen Sie, es braucht andere, um die eigenen Träume zu verwirklichen?
Ich glaube, wir brauchen immer einen anderen. Man kann nicht ins Leere lieben.
Das Bild war plötzlich in ihr. Eine Schaukel, die irgendwo in den Wolken aufgehängt war und so lang, dass man sie allein niemals zum Schwingen bringen konnte. Es brauchte einen anderen.

Ihr Roman enthält sehr viele schöne Bilder. Insbesondere Roberta, die eine Schneiderlehre absolviert hat, kommen beim Anblick der Natur Inspirationen für Designprojekte, z. B. ein Kleid aus dem Duft des Frühlings oder aus den Farben des Abendhimmels zu entwerfen. Das Aufwachsen auf dem Land war für Roberta prägend. Was hat Sie in Ihrem Leben geprägt?
Die Kindheit auf dem Dorf hat vor allem meine Bindung zur Natur geprägt. Mich hat danach aber auch die Jugend in der Stadt sehr beeinflusst. Ich hatte eine sehr künstlerische Clique um mich, ohne die ich wohl kein Schriftsteller geworden wäre. Dafür brauchte es die städtische Atmosphäre.
Roberta oder Gertrud – fiel Ihnen eine Person leichter zu schreiben?
Nein. Ich bin beim Schreiben in beide geschlüpft.
Was, würden Sie sagen, ist die Kernbotschaft Ihres Romans?
Das richtige Leben zu leben.
Sie veröffentlichen fast jedes Jahr einen neuen Roman. Wo holen Sie sich Ihre Inspiration für Ihre zahlreichen Romane?
Ehrlich gesagt: Ich habe keine Ahnung. Mal kommt meine Inspiration aus einem Gespräch, dann aus einem Lied, manchmal aus einem Bild. Und manchmal gar nicht. Dann muss ich suchen.
Haben Sie für all diejenigen, die auch schreiben wollen, einen Tipp?
Schreiben. Schreiben. Schreiben. Und dann lesen lassen und offen für Kritik sein.
Vielen Dank für das Gespräch, Ewald Arenz!
Die Fragen stellte Marie Falou.
Der Autor
Ewald Arenz, geboren 1965 in Nürnberg, hat Englische und Amerikanische Literatur und Geschichte studiert. Seine Romane und Theaterstücke wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Zuletzt erschien bei der Büchergilde sein Roman Die Liebe an miesen Tagen. Er arbeitet als Lehrer in Nürnberg und lebt mit seiner Familie in der Nähe von Fürth.